Halle 1. Ein Experiment im Germanischen Nationalmuseum

GERMANISCHES NATIONALMUSEUM

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Was tun, wenn Pläne plötzlich hinfällig werden und lange Vorbereitetes nicht umgesetzt werden kann? Man braucht eine Alternative, einen Plan B! Vor diese Herausforderung sah sich auch das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg gestellt, als coronabedingt die große Sonderausstellung über den Renaissance-Maler Hans Hoffmann um ein Jahr auf Sommer 2021 verschoben werden musste. Das Ausstellungshaus entschied, den kurzfristig frei gewordenen Raum als Dreh- und Angelpunkt für neue Angebote zu nutzen. Ergänzend sind rund 40 Exponate zu sehen, die im Kontext von Handlungsalternativen stehen: dem Leben auf der Walz und sogenannte Böttger-Porzellane.


Der Apotheker und Chemiker Johann Friedrich Böttger (1682–1719) behauptete Anfang des 18. Jahrhunderts, Gold herstellen zu können. Das weckte Begehrlichkeiten. Der Sächsische Kurfürst August der Starke nahm Böttger gefangen, stellte ihm ein alchemistisches Labor zur Verfügung und fordert die Produktion des kostbaren Edelmetalls. In seiner Verzweiflung begann Böttger gemeinsam mit Ehrenfried Walther von Tschirnhaus zu experimentieren. Die Rezeptur für Gold fand er nicht, doch präsentierte er stattdessen die des „Weißen Goldes“ – des Porzellans. Weil dessen Herstellung in Europa bis dahin nicht gelungen war, mussten die begehrten exotischen Kostbarkeiten aufwendig aus China importiert werden. Exzellente Neuschöpfungen chinesischer Originale wie eine Pagode, eine sitzende Buddha-Figur, stehen in der Ausstellung ihren Vorbildern gegenüber. Auch Teekannen, Tassen und Schalen lassen über die Perfektion der sächsischen Produkte im Vergleich zu den chinesischen staunen.

Auf Böttger geht das bis heute weltberühmte Meißener-Porzellan zurück. Die Porzellan-Herstellung war nicht sein eigentlicher Plan, aber eine grandiose, bis in die Gegenwart nachwirkende Alternative.


„Wenn wir uns mit der Wieder-Erfindung des Porzellans befassen, richten wir zugleich unseren Blick auf den Kulturaustausch mit China, von dem Europa über viele Jahrhunderte profitierte. Wir möchten damit gerade jetzt, in Zeiten von Abgrenzung und wachsenden Ressentiments, an die verbindende Kraft von Kultur erinnern“, betont Generaldirektor Prof. Dr. Daniel Hess.


Der zweite Themenkomplex verweist auf das Leben auf der Walz. Noch heute ziehen Wandergesellinnen und Wandergesellen ohne Handy und Geld durch die Lande. Was auf sie zukommt, ist schwer planbar. Immer benötigen sie eine Alternative, ihr Leben ist ein Experiment – dafür anregend, abwechslungsreich und frei. Neben großformatigen Fotoarbeiten von Dominik und Benjamin Reding aus der Serie „Kluft & Haut“ von 2018/19 sind ein historisches Herbergsschild, ein Willkomm-Pokal, die Figur eines wandernden Gesellen aus dem 18. Jahrhundert und eine kostbare Kassette mit einem Grabzettel ausgestellt. Das Dokument regelte Grablege und Jenseitsfürsorge für wandernde Gürtlergesellen, die fern der Heimat verstarben. Die Beispiele zeugen von den Risiken, aber auch von der langen Tradition, dem Reiz und den Chancen eines nur im Groben planbaren Lebens.


Die Exponate rücken die positiven Seiten experimenteller Alternativen in den Fokus. Studierende des Hauptseminars „Europäische Kulturgeschichte als Migrationsgeschichte“ der FAU Erlangen-Nürnberg unter Leitung von Prof. Hess arbeiten derzeit zu Böttger-Porzellanen. Ihre Ergebnisse präsentieren sie in den nächsten Wochen in der Ausstellungshalle, so dass Besucher unmittelbaren Einblick in die aktuelle Forschung erhalten. 


Platz für Veranstaltungen

Mit rund 1.000 Quadratmetern bietet die große Ausstellungshalle 1 auch unter den aktuellen Hygienebedingungen genügend Raum für Veranstaltungen und Mitmachaktionen, die andernorts im Museum derzeit nicht statt-finden können. An der sogenannten „Wertewand“ sind Besucherinnen und Besucher aufgefordert auf Karteikarten festzuhalten, welche Werte und Präferenzen sich durch die Coronakrise für sie verändert haben. Die „Schutzwand“ zeigt als kreative Reaktion auf den Mund-Nasen-Schutz als unseren neuen Alltagsbegleiter Objekte, mit denen Menschen sich einst und heute schützen: vom Rosenkranz und Ritterhelm bis zum Alufolienhut und Sonnencrème schlägt die Auswahl einen Bogen zu Beispielen in der Dauerausstellung.

Die coronabedingte Schließzeit nutzte das Germanische Nationalmuseum, um seine online-Angebote auszubauen. In einem Studio in der Ausstellungshalle können Besucher die Entstehung von Webinaren, 3D-Scans und Videos für den neuen GNM_kids Blog live verfolgen und später zu Hause erneut online abrufen.


In Zeiten der Krise setzt das Germanische Nationalmuseum mit seinem „Experiment in Hallte 1“ ein Zeichen für Kreativität und Neugierde auf Neues!

Kuratorin: Dr. Heike Zech,
Sammlungsleiterin für Kunsthandwerk bis 1800 und Handwerksgeschichte

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Veröffentlicht am

17.07.2020

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