Ulm / Neu-Ulm - Zwei Schwesterstädte

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Das Flair einer ehedem Freien Reichsstadt erspüren, aufregende zeitgenössische Architektur erleben – in Ulm kein Widerspruch. Rund um das gotische Münster mit dem größten Kirchturm der Welt entfaltet sich eine pulsierende Mischung aus Tradition und Aufbruch. Als kleine Großstadt ist Ulm zusammen mit seiner jungen Schwesterstadt Neu-Ulm auf der bayerischen Donauseite ein Reiseziel für Entdeckungen vielsagender/angenehmer Kontraste.
768 Wendeltreppenstufen himmelwärts! Bei gutem Wetter reicht der Blick hier oben bis zu den Alpen. Drunten, beim Schlendern durch die gemütlichen Gassen ringsumher, bildet der 161,53 Meter hohe Westturm des 1377 begonnen Münsters eine feste Wegmarke – als Mittelpunkt der Stadt/stiller Beobachter des Stadtgeschehens und Symbol ihrer mittelalterlichen Macht.
Damit nach einem ausgiebigen Kneipenbummel in Ulms Ausgeh-Altstadtrevier, dem historischen Fischer- und Gerberviertel, alles wieder ins Lot kommt, hilft mitunter jedoch auch eine simple Wasserwaage. Im Hotel „Schiefes Haus“ gehört das Instrument mit gutem Grund zur festen Zimmerausstattung. Wie schon ihr Name besagt, ist in dieser pittoresken Herberge eine allgemeine Schräglage ein Dauerzustand, übrigens schon seit Jahrhunderten. Wer das Quartier unter Tags inspiziert, wird bemerken, dass das Schiefe und Bucklige hier ganz generell die Regel bildet und nicht die Ausnahme. Uralte Fachwerkfassaden neigen sich mal mehr, mal weniger keck der durchfließenden Blau oder den kopfsteinbepflasterten Gassen entgegen. Eine davon ist derart eng, dass es innerhalb eines Pulks schier zwangsläufig zu Annäherungen kommen muss. „Kussgässle“ taufte es der Volksmund deswegen.
Die ebenfalls mustergültig sanierten Quartiere „Auf dem Kreuz“ und „Nördlich des Münsters“ machen das Dichterlob nicht minder nachvollziehbar, das Hermann Hesse dieser „außerordentlich schönen und originellen Stadt“ nach einem Besuche spendete. Längst aber mischen sich Baudenkmale der Zukunft unter die tradierten steinernen Rhythmen dieser Stadt: das weiße Stadthaus des New Yorker Architekten Richard Meier am Münsterplatz, die sich immer weiter verwandelnde Neue Mitte mit dem Kaufhaus „Münstertor“ und dem Sparkassenneubau im östlichen Anschluss, die gläserne Bibliotheks-Pyramide am Marktplatz.
Letztere steht gleich neben dem wiederum mittelalterlichen Rathaus mit seiner markanten Astronomischen Uhr an der Ostseite. Drinnen, in dessen Lichthof, der Nachbau der Flugapparatur von Albrecht Berblinger, weithin bekannt als „Schneider von Ulm“. Obwohl sein Flugversuch über die Donau 1811 tragisch gescheitert ist, gehört der Tüftler längst der Ahnengalerie der lokalen Pioniere an, ebenso wie Conrad Dietrich Magirus, der Pionier des Feuerlöschwesens und natürlich der in Ulm geborene Albert Einstein, das Physikgenie.
Im Ulmer Museum wird ein weiterer weiter Bogen von der Gegenwart bis zur reichsstädtischen Historie geschlagen, ja mit dem vor 40.000 Jahren aus Mammutelfenbein geschnitzten „Löwenmenschen“ ja sogar weit zurück bis in die Prähistorie. Längst noch nicht alle Rätsel dieser Mensch-Tier-Figur aus der Steinzeit sind gelöst.
Das Edwin-Scharff-Museum und das Kindermuseum in Neu-Ulm oder das kulturgeschichtlich ausgerichtete Museum der Brotkultur sowie die Kunsthalle Weishaupt in Ulm sind weitere wichtige Anziehungspunkte für Kultur-Besucher. Und allemal lohnt sich ein Blick in die Programme des Theaters Ulm, des in alten Industriehallen untergebrachten Roxy sowie der diversen Kleintheaterbühnen.
Jedes Jahr am vorletzten Juli-Montag wird gar die Donau zur Bühne, nämlich für das Nabada, ein im vielerlei Sinne überschäumendes Wasserumzugsspektakel im Rahmen des Schwörmontags, des tief in der Historie wurzelnden Ulmer Stadtfests. Alle vier Jahre wird darauf das Fischerstechen ausgetragen, ebenfalls ein Spektakel mit historischem Ursprung. Alle zwei Jahre verwandelt das Internationale Donaufest die beiden Donauufer in eine große Freilicht-Bühne, in der Folklore und Avantgarde sowie Schmankerl aus heimischen und ferneren Landen Neugierden wecken.
Eine Lustfahrt mit dem „Ulmer Spatz“ bietet ein dagegen sehr beschauliches Wasservergnügen. Mit Griff zu Paddel oder Ruder lässt sich dieses freilich auch sportiv ausgestalten. Apropos: Die körperliche Betätigung muss sich also keinesfalls aufs gemütliche Shopping in den attraktiven Einkaufsmeilen der beiden Städte beschränken, aufs alle Sinne anregende Flanieren über die Wochenmärkte oder auf die Testläufe zur reichhaltigen gastronomischen Szene.
Für die Vertikalgemeinde bietet sich eine Visite der Trampolin-Halle oder der EinsteinBoulderhalle an. Oder der DAV-Kletterwelt für die Kraxelei in verschärfter Variante. Bei eher horizontaler Ausrichtung des Bewegungsdrangs gäbe es da die Möglichkeit, Neu-Ulms Glacispark oder – mit dem Ulmer Tiergarten als Familienziel – den Stadtpark Friedrichau per Walking, Jogging, Skating, E-Bikeboarding oder Fahrrading zu erkunden. Auf dem Festungsweg wäre „a Stückle“ der riesigen Bundesfestung zu umtasten. In der IndoorKartbahn Ecodrom ließen sich ein paar strombetriebene Runden drehen. Da wäre sie also wieder – diese spezielle Mischung der Doppelstadt aus Alt-Bewährtem und aktuellen Trends. Und in nichts anderem liegt der Grund, warum das jährliche Ulmer-Zelt-Festival wie auch die beiden Weihnachtsmärkte längst zu den lokalen Institutionen mit überregionaler Ausstrahlung zählen.
Dass das Münster heute einen besonders langen Schatten werfen kann, verdankt es im Übrigen einem Trend des 19. Jahrhunderts – dem, unfertige gotische Bauwerke zu vollenden. Das schwindelerregende Bauunternehmen hatte erst 1890, nach 350-jähriger Unterbrechung, mit dem Setzen des letzten Steins in über 161 Meter Höhe seinen glücklichen Abschluss gefunden.
ANREISE
Mit dem Zug:
Ulm/Neu-Ulm mit seinen zusammen 170.000 Einwohnern ist Knotenpunkt von fünf Eisenbahnlinien sowie ans ICE-Netz angeschlossen.
Mit dem Auto:
Ulm liegt verkehrsgünstig an den Autobahnen A8 (Stuttgart-München) und Autobahn A7 (Würzburg-Füssen).
Mit dem Fahrrad:
Der bekannte Donau-Radwanderweg führt von Donaueschingen über Ulm weiter nach Passau und Wien. Radwanderführer in deutscher und englischer Sprache erhältlich. Der Radwanderweg Donau-Bodensee hat auf seiner markierten Hauptstrecke eine Länge von 142 km und führt von Ulm über Bad Waldsee und Wangen nach Langenargen. Ulm ist ausgangs- bzw. Endpunkt des Illerradwanderwegs Ulm-Oberstdorf.
Mit dem Flugzeug:
Nächstliegende Flughäfen: Stuttgart (ca. 70 km), München (ca. 135 km), Memmingen (ca. 60 km) und Friedrichshafen (ca. 100 km).
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